Romanus WEICHLEIN
"MISSA RECTORUM CORDIUM, à 15 Lambach 1687"


Werkinformation

Inspiriert von der „Jungendbewegung“ der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts richtete sich nach und nach auch das Interesse der Fachwelt auf Alte Musik, auf die Musik vor Haydn und Mozart, respektive auf die Musik neben Bach und Händel und vorbarocker Epochen. In der 2. Hälfte 20. Jahrhunderts, in der besonders die zeitgenössische Kunst im negativen Sog des 2. Weltkrieges in eine schwere Krise stürzte, verstärkten sich die bereits vorhandenen restaurativen Tendenzen und besonders im Hinblick auf Musik wurde die Suche nach historischen Ordnungen zu einem aktuellen Anliegen der Wiederaufbauphase. Zahlreiche vergessene Komponisten verdanken ihre Wiederentdeckung dieser Strömung, aber auch die Aufführungspraxis der stets tradierten Werke Bachs etwa erfuhren durch die Umsetzung jener Erkenntnisse, die man durch das Studium der historischen Quellen gewann einen starken Authentizitätszuwachs.

P. Romanus Weichlein (1652-1706) teilt sein Schicksal insofern mit vielen Komponisten seiner Zeit, als er samt seinem künstlerischen Schaffen bereits kurz nach seinem Tod in Vergessenheit geriet. Da er jedoch klösterlichen Standes war – er gehörte seit 1671 dem Konvent des Stiftes Lambach an, wirkte am Benediktinerinnenkloster am Nonnberg in Salzburg und in dessen Expositur in Säben (Südtirol) – , erhielt sich zumindest sein Name in diversen Hauschroniken. Der Lambacher Mönch P. Arno Eilenstein legte 1936 ein Professbuch an, in dem alle Mönche des Klosters seit der Gründung im Jahr 1056 namentlich aufgelistet und mit Kurzbiographie versehen sind. In diesem Buch erfahren wir erstmals wieder über das Wirken von P. Romanus Weichlein und wenig später machte sich die Musikwissenschafterin Helene Wessely auf die Suche nach den bei Eilenstein erwähnten Werken und weiteren biographischen Daten.

Auch die vorliegende Missa rectorum cordium scheint bereits im Professbuch von 1936 auf und wird in der spärlichen Nachfolgeliteratur meist erwähnt. Sie lagerte jedoch in unveröffentlichten Einzelstimmen in der Regenterei des Stiftes Kremsmünster und offenbarte sich in ihrer Komplexität erst im Zuge der Erstellung einer Partitur durch Claudia Gerauer im Auftrag Ars Antiqua Austrias (2005).
Das Werk entspricht in seiner Konzeption einer klassisch-österreichischen Barockmesse im „stilus solenne“, die ihren repräsentativen Festcharakter aus der Verwendung eines reichen Bläsersatzes und einem 6-stimmigen Vokalchor bezieht. Der Einfluss der Salzburger Hofmusiktradition zeigt sich besonders in den 2 –3 Posaunen, die meist colla Parte mit den tiefen Chorstimmen geführt werden und dem klanglichen Farbenreichtum dienen. -Aussergewöhnlich erscheint  hingegen die Besetzung von 3 Clarinstimmen, ein Symbol ebenso wie die Dreistimmigkeit der Knaben und Männer für die Dreieinigkeit? ( Anm. Gunar Letzbor )
Das Kyrie fällt auf wegen seiner unsymmetrischen Anlage, die zur regelmäßigen ABA-Form des Textes einen außergewöhnlichen Kontrast bildet. Mut zeigt Weichlein aber auch in der Binnengliederung: der 3-taktigen Bläsereinleitung, wird etwa der fehlende 4. Takt als Zwischenspiel nach dem ersten 2-taktigen Choreinsatz nachgereicht, weitere 2 Chortakte komplettieren diesen ersten, kuriosen Achttakter. Dem ausführlichen Kyrie I folgt ein Christe in chorischer Satztechnik, das weitgehend aus den Elementen der instrumentalen „Sonatina“ des Kyrie I gebildet wird und die Clarini fast ausspart. Das kurze abschließende Kyrie II beschleunigt das Tempo durch Taktwechsel und schließt mit einem auskomponierten Ritardando.
Im Gloria dominiert der homophone Satz, den solistisch-imitatorische Einschübe bereichern. Der sechsstimmige Vokalpart mutet hier teils durch die satztechnische Zusammenfassung jeweils der drei Ober- und Unterstimmen doppelchörig an. Es überwiegen die Grundtonarten, auf dramatische Textausdeutung wird verzichtet.
Im Credo huldigt Weichlein gleich zu Beginn dem „allmächtigen Vater“ (patri omnipotentem) mit einer hellen Fanfare, die von den Streichern – quasi als Recitativo accompagnato – mit einem einzigen Akkord begleitet wird. Hernach schweigen die Trompeten bis zu Text „Crucifixus“, wo sie „con Zärdino“ (= mit Dämpfer) wieder eintreten. Weichlein greift hier eine überkommene Salzburger Tradition auf, welche die gedämpften Trompeten und augmentierte Fanfarenrhythmik für Trauermusiken vorsah. Textausdeutung und wechselnder Harmonik kommt im Credo eine wichtigere Rolle zu, als im Gloria. Ab Text „Et resurrexit“ führt der 3/2 Takt, sein schwungvoller Duktus wird nur noch an wenigen Stellen unterbrochen.
Eine Besonderheit im Sanctus stellt die lange Instrumentaleinleitung dar, denn in der liturgischen Praxis schließt der Engelschor mit dem dreifachen Heiligruf unvermittelt an das Hochgebet des Zelebranten an. Der defensive Vokaleinsatz in Takt 15 entsagt zudem jener Pomposität, die viele andere Komponisten an dieser Stelle intendieren. Die Heiligkeit Gottes wird sukzessive aufgebaut und erreicht ihren strahlenden Glanz erst bei Text „gloria tua“.
Das musikalische Thema des Agnus Dei wird aus dem Dreiklang gebildet, der sich in Form von vokalen Soli und in harmonischen Abwandlungen von der Grundgestalt C-Dur her vorstellt, ehe sich die gesamte Capella dieser schlichten Erfindung annimmt. In ihrer Purität vermag sie der christlichen Idee von der Erlösung des Menschen durch das Lamm Gottes vielleicht Ausdruck zu verleihen.

Peter Deinhammer

 

Ars Antiqua Austria, PARNASSUS ECCLESIASTICO-MUSICUSMusikbeispiel zum Anhören

ARS ANTIQUA AUSTRIA
St.Florianer Sängerknaben, Franz Farnberger
Vocalensemble NOVA
Gunar Letzbor, Direction
Symphonia SY 06223 © 2007

 


Kyrie: MP3 (3,06 Mb)


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